Memoiren
Hans Felders Aufzeichnungen sollen hier auszugsweise wiedergegeben werden.

Die Kindheit
Geburt im Bethesda-Hospital in Stuttgart am 16. März 1921. Säuglingsalter bis Oktober 1922 in Herrenberg, wo mein Vater als Oberreallehrer dem dortigen Progymnasium vorstand, bis er durch den "Herrenberger Fall" dort sich "unmöglich gemacht" hat und in die etwas liberalere Stadt Reutlingen strafversetzt wurde, dabei aber immerhin zum Studienrat befördert worden ist. Seine Verfehlung: Er hat als Pazifist die Bilder von Hindenburg und Ludendorff von der Wand nehmen lassen.
In Reutlingen – in jenen Umzugswochen kam auch meine Schwester Elsemarie zur Welt – wohnten wir bis ca. 1925 draussen in der Karl-Straße (Ecke Silberburgstraße); sodann bis 1933 in der Gustav-Werner-Straße 14, in einem der Kirche gehörenden Pfarrhaus zusammen mit Stadtpfarrer Roos (bis 1927) und mit Stadtpfarrer Knapp. Von dort aus besuchte ich dann fünf Jahre lang die Hermann-Kurz-Schule (mit den Lehrern Rais, Munz und Goller), sodann noch 1932–33 das Gymnasium in der Kanzleistraße. Dort war für meine Lebensführung am bedeutsamsten der Religionsunterricht von Studienrat Hans Faber. Er hat mich auch für den BK (Schüler-Bibelkreis) gewonnen und dann seinem Freund Dr. Manfred Müller ("Ami") – damals noch Studienrat – in Korntal als werdender BK’ler weiterempfohlen.
Ach, was wäre hier alles zu erzählen von den im Hause wohnenden feinen Pfarrfamilien Roos und Knapp, von der erfreulichen Spielkameradschaft in der damals noch kaum befahrenen Straße, vom Räuber- und Bolle-Spiel in den weiträumigen Bruderhaus-Höfen, über Ausflüge mit den Eltern auf die Schwäbische Alb. Ganze Wochen konnte mich meine Mutter im Hause Pfleiderer in Stuttgart abgeben mit dem "Kätterle", der Tante Liese in Winnenden, der Tante Helene in Stuttgart. Was gäbe es alles zu erzählen von den Freundschaften mit Schulkameraden, über Radfahrten zur Zahnklinik in Tübingen oder hinauf auf die Alb nach Holzelfingen. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die eindrucksvollen tüchtigen Dienstmädchen vom Lande, die zum Teil jahrelang eben einfach mit zur Familie gehört, am Tisch mit gegessen, monatsweise ihre 40 RM gespart haben für ihre Aussteuer, uns Kinder gelegentlich sogar auch mit nach Hause aufs Dorf genommen haben. Ach, was waren das für nette Mitschülerinnen, die meine etwas jüngere Schwester immer wieder zu uns ins Haus zu bringen wusste.
Gelesen habe ich damals u.a. Heidi (von Johanna Spyri), Winnetou (Karl May), Familie Pfäffling (Agnes Sapper), Wilhelm Hauffs Märchen und den Roman Lichtenstein, Weinlands Rulamann …
Die Dinge, die über unsere Eltern immer schwerer hereinzukommen drohten, in beruflicher, politischer, familiärer und eben auch gesundheitlicher Hinsicht – wir Kinder wurden kaum damit befasst. Für uns stehen diese Kindheitsjahre in ungetrübter Erinnerung und sind mit Reutlingen untrennbar verbunden: "O meiner Jugend Töne, ihr werdet wieder wach, es bebt im Aug’ die Träne, in meinem Herzen bebt euch jede Saite nach …" (H. Kurz in "Die Glocken der Vaterstadt").
Im August 1933 also, haben wir den Ort meiner Kindheit, Reutlingen, verlassen und sind nach Korntal umgezogen. Meine Eltern konnten sich am Rand von Stuttgart-Weilimdorf ein Einfamilienhaus erwerben. Mein Vater hat sich "gesundheitshalber" vorzeitig (mit 50!) pensionieren lassen, und einen Briefmarken-Versand-Handel eröffnet. Das Verbleiben eines erklärten Pazifisten und Nicht-Kriegsteilnehmers in einem "gleichgeschalteten" Lehrkörper wäre auch schwerlich denkbar gewesen. Hier in Korntal konnte er, bei einem selbstverständlichen politischen Stillehalten unauffällig und – Gott sei Dank (!) – unbehelligt verbleiben. Er durfte sich selbstverständlich auch nicht weigern, unser Haus mit der Hakenkreuzfahne zu beflaggen, oder seinen Kindern verbieten, ins "Jungvolk" einzutreten bzw. bei den "Jungmädels", oder auf der Straße den "Hitler-Gruß" verweigern. Wir hatten da mit den Korntaler Schulen großes Glück. So richtig scharfe, fanatische Nazis gab es in unseren Lehrkörpern so gut wie keine, und in der Nachbarschaft war offensichtlich kein auf meinen Vater angesetzter "Aufpasser".
Gelesen habe ich damals gerne: Hermann Löns "Mein grünes Buch", über David Livingstone, Hans Zöberlein, "Der Glaube an Deutschland", Edwin Dwinger, "Zwischen Weiß und Rot." U-Boot-Bücher aus dem 1. Weltkrieg.
Zwei wichtige Dinge mussten für mich in diesen kurzen (!) vier Korntaler Jahren im Vordergrund stehen: 1) der Konfirmanden-Unterricht mit dem Abschluss durch die Konfirmation 1936. Ich dürfte einer der ganz wenigen unter ca. 70 Konfirmanden gewesen sein, bei denen der schlichte, ja, fast etwas einfältig fromme, Pfarrer Wolf mit seinem Herzensanliegen und mit seinen inbrünstigen Gebeten überhaupt angekommen ist: Ich habe mir nämlich damals vorgenommen, Missionar in China werden zu wollen, habe mich ja dann auch folgerichtig 2) auf das so genannte "Landexamen" 1937, zur Aufnahme ins Seminar nach Maulbronn vorbereiten lassen. Natürlich war es für diesen Entschluss förderlich, dass wir in unserer Klasse elf Mann waren, die auch diesen Weg gewählt haben, und wir sind alle elf zu diesem Ziel gekommen (fünf davon sind im Krieg gefallen!).
Übrigens: Die sonntäglichen Gottesdienste der Brüdergemeinde im großen Saal in Korntal, nicht zuletzt auch die Abendmahlsfeiern, bei denen wir auf den Knien gebetet und viel gesungen haben, waren für mich derart anziehend, sie wurden von ausgesucht guten Predigern geleitet, dass ich mir von daher für mein ganzes Leben angewöhnt habe, auch noch beim Militär, sogar in Russland, jeden Sonntag, sofern möglich, zum Gottesdienst zu gehen. Auf diese Weise haben sich mir die meisten Lieder unserer Gesangbücher dem Wortlaut nach, geschweige denn auch den verschiedenen Melodien nach, derart im Gedächtnis eingeprägt, dass ich allein schon mit diesem Kenntnisschatz einen nicht geringen Teil dessen in mich hineinbekommen habe, was man von einem Pfarrer eigentlich billigerweise erwarten sollte. Dasselbe gilt natürlich auch von dem biblischen Wortlaut und von den dazugehörigen theologischen Gedankengängen.
Den Denkspruch durften wir bei der Einsegnung selbst von einem Teller nehmen: Ich habe so das Paulus-Wort 1. Kor. 3, 11 "gezogen". "Einen andern Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.","Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut, das machet, dass ich finde, das ew’ge wahre Gut. An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd’. Was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert." Ich konnte natürlich damals nicht ahnen, welche zentrale Bedeutung gerade dieser Apostel Paulus einmal für die Ausprägung meiner theologischen Grundhaltung und für die Ausrichtung meiner Predigten haben würde.
Wir hatten, wie gesagt, fast durchweg bewusst christlich eingestellte Lehrer, von denen ich hier nun keinen positiv, geschweige denn negativ hervorheben wollte. Sie waren mir alle, wiewohl ich wahrlich kein besonders eifriger Schüler war, durchweg freundlich gesonnen und gerecht in ihrer Beurteilung. Die meisten der Schüler waren im Kleinen, bzw. im Großen Schülerheim untergebracht, oder in Privatpensionen. Ich gehörte zu der etwas geringeren Zahl der "Stadtschüler" aus dem Ort, oder der Fahrschüler (mit der Bahn aus Richtung Leonberg bzw. aus Weissach). Jede Woche ging ich zum "Heimabend" des BK zu "Ami", Dr. Manfred Müller, einem Neu-Philologen, der aber dann bald zur Leitung der kirchlichen Jugendarbeit, als Landesjugendpfarrer und später als "Kirchenrat" in die Kirchenleitung berufen wurde. Selbstverständlich hatte man pünktlich und regelmäßig, am Dienst im "Jungvolk" bzw. dann in der "HJ" teilzunehmen.
Seminarzeit 1937–1940
Maulbronn und Blaubeuren
Gar nicht genug kann ich das meinem Gott aber auch dem württembergischen Staat und meinen lieben Eltern danken, dass sie mir diese reich gefüllten drei Jahre bis zum Abitur in dieser unvergleichlichen Schulgemeinschaft ermöglicht haben. Fast an alle diese Lehrer kann ich nur mit großer Hochachtung denken, aber eben auch an alle die Komprmotionalen, wie sie auch mich schlicht und selbstverständlich in ihre Mitte genommen haben. Man bedenke, dass wir nach dem Ergebnis des "Landexamens" nummeriert waren und nach dem Alphabet auf die vier Stuben verteilt wurden. Ich war mit Rieber und Ottmar zusammen aus dem "Landexamen" als mit einer der Nummern 36–38 hervorgegangen. Rieber bekam als armer Pfarrersohn das Stipendium (36), Ottmar und ich mussten als "Gastschüler" (37 und 38) 600 RM im Jahr bezahlen. Unsere Gesamtzahl war 44. Davon sind 22 (!) im Krieg geblieben. Alex Fritz und Gerhard Ottmar sind als erste von uns allen zum Kriegsdienst eingezogen worden, zur med. Ausbildung, bzw. zur Marine, noch im November 1939. Ottmar ist dort Offizier gewesen und später Dekan von Biberach. Mein Sitznachbar Fischer war damals der Primus geworden! Er saß drei Jahre lang neben mir. Wir haben uns lieb gehabt wie Geschwister ("Du Nigger!"). Er ist noch 1946 in französischer Kriegsgefangenschaft gestorben! Ein hochbegabter Sprachler, Mathematiker, von persönlich schlichtester Bescheidenheit!
Dass es ausgerechnet mit unserer Seminarpromotion – politisch – eine besondere Bewandtnis hatte, wussten damals zwar die Lehrer, wir Schüler haben das aber alle erst Jahrzehnte später erfahren. Demnach hatte der NS-Kultminister Mergenthaler die feste Absicht, diese ganze Seminarstiftung aufzuheben und eine "Napola" (Nationalpolitische Lehranstalt) einzurichten. Er wollte wohl noch eine Chance geben, die wir aber "vertan" haben, d.h.: Es war zwar ganz gewiss keiner von uns auch nur entfernt so etwas wie ein "Widerstandskämpfer", aber freilich eben auch keiner von uns, außer Georg Wurster, ein begeisterter Anhänger des "Führers". Ja, die drei HJ-Unterführer unserer "Elite-Schar" (sportlich und kulturell) haben keine Bedenken gehabt, die Evangelisation der Gruppenbewegung zu besuchen, worauf sie alle drei von heute auf morgen "degradiert", und ihnen die "Schnüre" (Rangabzeichen) abgerissen wurden. Zu guter letzt ist noch diese Werbung für die Waffen-SS (wir mussten dazu alle splitternackt herein treten) ein völliges Fiasko geworden! Nur einer von uns (!) hat sich dazu bereit erklärt, eben unser guter Georg Wurster. Man hat uns daraufhin gerade noch das Abitur machen lassen, dann aber hat man den ganzen "Laden dicht gemacht" (1940!). Seitdem ich das weiß, sehe ich es auch etwas anders, warum man mich und andere trotz fast gänzlichen Fehlens von Mathe-Kenntnissen im Abitur nicht hat durchfallen lassen wollen – eben auch noch kurz vor der bevorstehenden Einberufung in den bereits begonnenen Krieg (!).
Soviel ich weiß, war keiner unter uns, der sich nicht "freiwillig gemeldet" hätte, und wenn es nur darum gegangen wäre, das Pflicht-Halbjahr für den unbeliebten Reichsarbeitsdienst (RAD) schon mit drei Monaten hinter sich zu bringen. Die Zugehörigkeit zur Wehrmacht war damals der einzige Ort, an dem es noch eine gewisse Freiheit gab vor den Zumutungen des NS, und wenn es nur die gewesen wäre, militärisch grüßen zu dürfen und nicht mit hochgehobenem Arm.
Was die Förderung meines Glaubenslebens anbelangt, kann ich drei Momente nennen, einmal, dass ich mich mit Eberhard Betsch zusammen zum Dienst als Helfer in der Kinderkirche gemeldet habe. Da gab es eben jede Woche diesen sehr förderlichen Vorbereitungsabend im Pfarrhaus bei Pfarrer Winter. Und eben diese Bubengruppe am Sonntag nach dem Hauptgottesdienst. Winter ist in seinen Predigten meist bis kurz vor seine Verhaftung durch den NS gegangen! Auch gab es da die feine fromme Helferin Fräulein Schmoll, sowie eine Großheppacher Diakonisse für den Kindergarten, und einen sehr feinen jungen Rathaus-Praktikanten, der mir ein warmer Freund und – wenn man so will – "Seelsorger" geworden ist, Hermann Maier. Er ist gleich nach dem Krieg Ministerialrat in Stuttgart geworden und hat mich armen Studenten mit Dienstwagen und Chauffeur in Weilimdorf aufgesucht! Zu betreuen hatte ich eine Bubengruppe, die mich offensichtlich lieb gehabt hat. Einer ist Chefarzt geworden und hat mich noch nach Jahrzehnten als seinen "Lehrer" beehrt: Dr. Spieth, der Sohn des damaligen Orts-Arztes.
Sodann war es die schon erwähnte Evangelisation mit Sprechstunde und öffentlicher Beichte nach Art dieser "Moralischen Aufrüstung" aus Oxford (später Caux), die mich sehr bewegt hat: Justus Ferdinand Laun – mit dem Lied "Freunde, lasst uns siegreich leben, alles dem Herrn Christus geben, dass er’s brauch’ zu seinem Werk. Er ruft uns zu vielen Schlachten, dass wir nicht des Lebens achten, nur vertrau’n, daß er uns stärk. Freude zu bringen sei unser Lebenswerk." Als drittes Moment meine ich anführen zu sollen die Spaziergänge mit meinem besonderen Freund Otto Schmid, einem begabten Pfarrersohn, der in Fußballkreisen in ähnlich geringem Ansehen stand, wie ich, der aber sehr gut Bescheid wusste über die Theologie unserer Zeit in der Auseinandersetzung mit dem NS (Rosenberg: "Protestantische Rom-Pilger"). Das alles und natürlich noch viel mehr wäre zu erzählen von dem leider nur einen Jahr 1937/38 in Maulbronn. Damals kam Österreich "Heim ins Reich" …

2. Weltkrieg
Was bekam Hans Felder von der Judenverfolgung mit? Hierzu finden sich folgende Zeilen in seinen Aufzeichnungen, datiert 12.06.1993.
Wenn ich mich frage, zu welchem Zeitpunkt Juden als Juden in mein Gesichtsfeld getreten, zu einem Problem – positiv oder negativ – geworden wären, so, dass ich im heute fast selbstverständlichen Sinne "sensibilisiert" gewesen wäre, dass ich mich zu einer Entscheidung herausgefordert hätte sehen müssen, dass ich heute eine Reue darüber empfinden müsste, damals Entscheidendes unterlassen zu haben, oder eine Genugtuung, etwas Namhaftes zu ihren Gunsten getan zu haben, so muss ich sagen: Nicht vor Mai 1945, nach meiner Rückkehr aus der Militärzeit.
Wir hatten damals in der evangelischen Studentengemeinde eine jüdische Mitstudentin, die in Stuttgart unter geradezu wunderbaren Umständen verborgen gehalten werden konnte, nun in christlicher Vergebungsbereitschaft ihr Gewicht als Verfolgte in die Waagschale legen wollte, um einem persönlich beliebten aber eben leider NS-konform gewordenen Dozenten der Orientalistik bei seiner Entnazifizierung zu helfen, Annemarie Tugendhat. Damals erst wurden ja auch die Gräuel, die an den Juden verübt worden waren, so nach und nach in den Medien veröffentlicht mit der dazugehörigen – unser Volk anklagenden – Deutung, was sehr wesentlich ist. Denn mochte man gelegentlich Daten gehört haben, waren wir als Landser, als normal informierte und interessierte Deutsche gar nicht in der Lage, nicht motiviert, uns länger daran aufzuhalten, uns tiefere, weitreichendere Gedanken darüber zu machen.
Wohl bin ich im Urlauberzug zur Zeit des Judenaufstandes, auf den man von Kameraden aufmerksam gemacht wurde, durch das Bahngelände in Warschau gefahren. Ja, einmal bin ich sogar nach meiner zweiten Verwundung (Sommer 1943) vom Lazarett aus interessehalber – im plombierten Straßenbahnwagen – durch das jüdische Ghetto in ?ód? gefahren und habe dort das Straßenleben vom Fenster aus gesehen. Ich habe aber keinerlei Motivation verspüren können, irgendwelche längeren persönlichen Konsequenzen zu ziehen aus dem Vorhandensein einer solchen Einrichtung, deren direkte Grausamkeit bei diesem "Erlebnis" gar nicht in Erscheinung getreten ist. Das ist eher gewesen nach meiner ersten Verwundung im Lazarett in Limburg im Winter 1941/42, wo ein Kamerad beiläufig erzählte, wie er Zeuge oder gar Mitkommandierender war bei einer Massenerschießung von Juden wohl im Raum von Jassy, Rumänien, Bessarabien.
Ich kann also nicht sagen, ich hätte von diesen Dingen gar nichts gewusst. Aber Wissen und "Wissen" ist zweierlei. Zu dem, was da heute rückwirkend verlangt wird das "Ge-wissen" betreffend, gehört das Bewusstseins-Umfeld, die lehrhafte, überpersönliche Möglichkeit der Einordnung. In einer solchen stand ich damals nicht. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, mit den Fronterlebnissen und der dazugehörigen engeren Kameradschaft der Gruppe, des Bunkers, des Essenholens, des nächtlichen Wachestehens, des Bücherlesens in den wachfreien Stunden, der nächtlichen Spähtrupps und der beiden Stoßtrupps, zu denen ich mich freiwillig zu melden pflegte. Man freute sich auf die Post, auf den Urlaub, die beide erstaunlich gut organisiert waren. In der Wehrmacht war man auch ziemlich frei von NS-Indoktrination. Unter Kameraden konnte man fast ungeniert jegliche (auch kommunistische) Meinung äußern und diskutieren. Juden betreffende Meinungen habe ich – meiner Erinnerung nach – dabei kaum gehört. Zu entsprechenden Ausschreitungen wie Jassy wurde keiner von uns abkommandiert. Wir hatten’s im Mittelabschnitt allenfalls mit Partisanen zu tun, mit Juden nicht.
Eine persönliche Zwischenbetrachtung, die man mir vom heutigen Jugend- und Oberschul-Dasein her kaum glauben wird: Obwohl ich schon drei Jahre in der Kinderkirche geholfen, Religionsunterricht gehabt hatte, Choräle auswendig gewusst habe und beim Militär jedem auf die Frage "Was bist du von Beruf?" und "Was willst du einmal werden?" geantwortet habe: "Abiturient" und "Pfarrer", hatte ich keinerlei theologische Meinung oder Intention. Ich las auch kaum in der Bibel, ging freilich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Gottesdienste, Bibelstunden, Militär-Kreise, Chöre und war fest der Überzeugung, dass ich nichts anderes als Pfarrer werden würde, müsste. Die theologische Intention ist bei mir – dann freilich ganz vehement und mit scharfer, klarer Kritik – erst im dritten Semester (1946) erwacht. Dabei hat dann allerdings sofort das Judenproblem eine zentrale und bleibende Stellung in meinem Bewusstsein eingenommen. Vorher nicht! Wir hatten in unserer Seminarpromotion einige wenige Kompromotionale, die bereits mit 17, 18 Jahren philosophische, theologische, kirchenpolitische Probleme untereinander zu diskutieren in der Lage und motiviert waren und mit entsprechender Literatur umgingen. Ich gehörte nicht zu ihnen.
Damit komme ich zu meiner Zeit im Seminar (1937–40, ich war damals 16 bis 19 Jahre alt) und der Bedeutung, die dort und im kirchlichen Umfeld drum herum das Judenproblem gehabt bzw. eben gar nicht gehabt hat – soweit ich mich daran erinnern kann. Unsere Promotion war selbstverständlich geschlossen in der HJ. Wir bildeten praktischerweise sowohl in Maulbronn wie in Blaubeuren eine geschlossene "Schar" mit drei "Gruppen", je unter eigener Führung. In Maulbronn hatten wir sogar noch einen Scharführer aus den eigenen Reihen, in Blaubeuren hat sich der damals noch unverheiratete Musiklehrer dazu hergegeben. Er war alles andere als ein überzeugter Nationalsozialist. Einen solchen hatten wir in unserer ganzen Promotion überhaupt nur einen einzigen. Einen zwar lauteren, fleißigen, aber etwas beschränkten Bauernsohn aus dem Schwarzwald. Alle anderen waren zwar keine Widerstandskämpfer, aber von zuhause aus mehr oder weniger innerlich distanziert diesem Regime gegenüber, was von diesem auch wohl bemerkt wurde. Eben deshalb stand nicht zuletzt durch die innerlich renitente Haltung unserer Promotion der ganze Bestand dieser kirchlichen Seminarien – wie wir erst viel später erfuhren – auf des Messers Schneide. Das NS-Kultministerium hat uns offenbar sehr bewusst unter kritischer Beobachtung gehalten, weshalb das Lehrerkollegium, das – mit Ausnahmen – auch durchaus nicht begeistert zu diesem Regime stand, sich mit entsprechenden Äußerungen sehr zurückhalten musste.
So konnte es kommen, dass die Lehrer in Blaubeuren sich zwar selbst der Bedeutung der Kristallnacht (November 1938) sehr wahrscheinlich bewusst waren, vielleicht auch etliche der Kompromotionalen, dass aber ich mich kaum erinnern kann, in irgend eine Diskussion hineingezogen worden zu sein über die Vorgänge, die wir etwa aus den Zeitungen, die ich kaum gelesen habe, aus dem Radio, das ich kaum gehört habe, hätte erfahren müssen. An den "auslösenden" Mordfall an einem deutschen Legationssekretär in Paris kann ich mich noch erinnern. Ich war damals sehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Übrigens war fast die ganze Promotion damals so sehr mit der für ein Seminar bis dahin unerhörten Veranstaltung einer Tanzstunde und den dazu gehörigen Mädchenproblemen derart beschäftigt, dass "politische" Probleme – auch solche – kaum eine tiefergehende Bedeutung hätten bekommen können. Eine kritische Haltung zu Handlungen der Staatsführung, wie sie heute selbstverständlich ist, kannte man damals so nicht – und zwar keinesfalls nur aus "Angstgründen". Das mochte bei einem kleineren Kreis von Wissenden sein. Auf unserer Ebene hat solches die Menschen, wenn sie nicht direkte Beziehungen zu Juden hatten, kaum tiefergreifend bewegt, geschweige denn zu Protestbewegungen veranlasst.
Auf die verheerende Bedeutung der "Kristallnacht" wurde ich erst im Januar 1939 im Taunus gestoßen von einem Frankfurter Geschäftsmann, dessen Wagen ich aus dem Schnee geschoben hatte, und der mich daraufhin zu einer Autofahrt nach Frankfurt mitgenommen hatte, auf der er sich zu den Vorkommnissen ausführlich und empört geäußert hat: "Das werden wir noch büßen müssen. Die Juden in der Welt werden das nicht ungestraft hinnehmen."
Übrigens kann ich mich auch kaum erinnern in Sachen "Nürnberger Gesetze", "Arier-Paragraph" von Seiten der Lehrer, der Pfarrer irgend etwas gehört zu haben. Etwas anders war das mit dem Kirchenkampf. Der wurde vom Regime noch einigermaßen toleriert. Da ging es u. a. und nicht zuletzt um das Alte Testament, das vor allem von Alfred Rosenberg in seinen Büchern "Der Mythos des 20. Jahrhunderts" und "Protestantische Rom-Pilger" beanstandet und zur Abschaffung in der Kirche dringend empfohlen wurde wegen seiner angeblich typisch jüdischen "Unanständigkeiten". Hier setzten sich viele Pfarrer mit Vehemenz ein gegen die "Deutschen Christen", geschweige gegen die "Deutsche Glaubensbewegung", ohne dass sie damit gleich das KZ zu befürchten gehabt hätten: "Das Wort sie sollen lassen stah’n …!" Aber zur greifbaren Solidarität mit den Juden ist es auf diese Weise nicht gekommen. Das stand auch für leitende Kirchenleute damals noch auf einem anderen Blatt.
Wenn ich nun auf meine Eltern zu sprechen komme, so kann ich von meinem Vater sagen, dass er hier wenig Einfluss auf mich genommen hat. Unter seinem großen Repertoire an Witzen – zu jedem Stichwort kam der entsprechende, und wir konnten mit Sicherheit sagen, welcher jeweils kommen musste – waren auch einige harmlose Judenwitze:
Fragt ein Jüd’ den andern bei 30 Grad Kälte: "Isidor, warum red’st denn nichts mehr?" Der nimmt ganz kurz seine Hände aus der Tasche und spricht: "Meinst, ich woll verfiere’ meine Händ’?"
Oder:
Ein Jüd’ hatte den andern zum Essen eingeladen, der geht hin, findet aber die Tür verschlossen, worauf er den aus dem Fenster schauenden Juden anspricht: "Du hast mich eingeladen!" Antwort: "Freilich hab ich dich eingeladen. Aber wie hab’ ich gered’t? Wenn de kannst, so kommsch zum Esse’. Kannst de? Nee, du kannst ja nicht!"
Solche Dinge hatten nicht entfernt eine – gar noch antisemitische – Tendenz. Sie kamen bei ihm auf der selben Ebene wie solche über Göring und Göbbels, wie vor allem Witze über dumme Leutnants, die nun freilich eher eine Tendenz haben mochten, denn mein Vater war eingefleischter Pazifist. Ihm war es um den erheiternden Gesprächseffekt zu tun – nicht um eine Tendenz.
Anders meine Mutter, die ich gewiss nicht als eine Antisemitin bezeichnen dürfte. Aber sie war es ohne Zweifel, die mir eine instinktive Sensibilität mitgegeben hat dafür, wer – konkret – ein Jude sei. Es war das geradezu körperlich empfundene menschliche Anders-Sein, das in unserem Bürgertum zu meiner Jugendzeit etwa auch den katholischen Nachbarskindern und Schulkameraden gegenüber bestanden hat, das für meinen Vater, der aus einem frommen Lehrerhaus stammte, nicht so dringlich war; wie bei meiner Mutter, die den Existenzkampf und die Volksnähe eines Geschäftshaushaltes mit durchgemacht hatte. So wird wohl einmal ein Jude – sie war eine Zeit lang Lotterie-Einnehmerin – um ihre Hand angehalten haben. Für meine Mutter wäre es schon körperlich undenkbar gewesen, einen Juden zu heiraten. Sie hat mich auf die jüdische Herkunft zweier Schulkameraden aufmerksam gemacht, die ich still, ohne darüber mit jemandem zu reden, jahrelang und ohne jede Abneigung, aber eben als Juden oder Halbjuden betrachtet, bedacht, meditiert, auch geachtet habe, ohne irgend einen Gebrauch von solchem Wissen zu machen.
Nicht unerwähnt lassen kann ich auch die Familie, mit der das Judentum gewissermaßen in die Verwandtschaft hereingeragt hat. Eine Pflege-"Schwester" meines Vaters – der fromme Großvater hat gelegentlich fremde Zöglinge in seiner Familie mit großgezogen, die in Stuttgart Schulen zu besuchen hatten – hatte einen halbjüdischen Volksschul-Lehrer geheiratet und diesem fünf begabte und gesunde Söhne geboren, die sie nun als Witwe mit Mühe vollends durch die Ausbildung bringen musste. Eine weit blickende, feine Frau. Ich hatte bei ihr Klavierstunde. Ihren Schwiegervater hatten meine Eltern noch gekannt. "Mit einem Sack auf dem Buckel hätte er seinem aussehen nach als polnischer Jude gehen können." Er hieß Levi. Anlässlich seiner Verheiratung mit einer Christin wird er getauft worden sein. Er selbst, oder jedenfalls sein Sohn hat noch in der Zeit der Monarchie den Namen gewechselt, wohl um für die Ausbildung zum Lehrer und dann für die der Söhne keine Schwierigkeiten zu bekommen. Wenn nun zwei der Söhne die ganze NS-Zeit über im KZ verbracht haben, so nicht um ihres Judentums willen, sondern weil sie erklärte Kommunisten waren. Einer ist Großkaufmann geworden, die beiden anderen sind als Soldaten im Krieg gefallen. Der eine war Pfarrer, der andere in Zivil Amtsgerichtsrat, während des Krieges Oberleutnant und zeitweise sogar mein Kompaniechef. Wie sie als "vierteljüdisch" offensichtlich unbeanstandet durch diese "Arier-Paragraphen" und zum Teil in solche Stellungen gekommen sind, ist mir heute noch ein Rätsel. Jedenfalls hatte ich jederzeit Veranlassung, nur mit Respekt auf sie zu blicken, sofern ich mit ihnen zu tun hatte. Einer der beiden Kommunisten war Diplomlandwirt und nach dem Krieg bei der Raiffeisenbank angestellt, der andere freier Künstler und zeitlebens das Sorgenkind seiner Mutter.
An eine Begebenheit meine ich mich noch dunkel erinnern zu können. War es 1933 oder gar schon 1934, dass ein angesehener Jude in Reutlingen beerdigt wurde und seine Offiziers-Kameraden aus dem ersten Weltkrieg es noch gewagt haben – sehr zum Missfallen der Nazis –, eine Ehrensalve an seinem Grab abzufeuern. Vermutlich die einzige Gewehrsalve, die zur Genugtuung meines Vaters jemals abgefeuert worden ist.
………
Wie ich am 22. Mai 1945 in Krumbach (bayr. Schwaben) aus der Wehrmacht entlassen wurde, und somit das Ende des Krieges – persönlich – aufs glücklichste erlebt habe, will ich hier kurz niederschreiben:
Als nämlich Ende April die Franzosen Stuttgart erobert und weite Teile von Südwürttemberg besetzt hatten, geriet auch unsere Landesschützen-Kompanie Ulm zwischen Laupheim und Illertissen in sehr unangenehmer Weise in Gefangenschaft, der ich wie durch ein Wunder entgangen bin. Zwei Kameraden wurden noch auf dem Motorrad von einem französischen Panzer erschossen. Zufällig war mein Onkel, Otto Freyer, damals mein Kompaniechef und zufällig war ich der Einzige, der ein Fahrrad hatte. Er gab mir einen entsprechenden Auftrag, bei dessen Ausführung ich bei Nacht vom Fahrrad gestürzt bin, leicht verletzt, aber dekorativ aussehend.
"Hans, melde dich sobald du kannst bei der nächsten Sanitätsstation. Bei uns ist ohnehin alles zu Ende."
Dies geschah dann früh morgens in Illertissen:
"Felder, nun sieh zu, dass sie dich in Krumbach im Lazarett aufnehmen."
Ich wurde aufgenommen und musste nur bangen, dass sie dort zur Kenntnis nehmen könnten, wie leicht ich "verwundet" war und sie mich noch zur kämpfenden Truppe geschickt hätten. Zwei Wochen lang waren wir dort im Lazarett "theoretische" Kriegsgefangene und hatten noch keinen amerikanischen Soldaten zu Gesicht bekommen. Dann hat man uns aussortiert. Ich geriet an einen offensichtlich frommen amerikanischen Offizier:
"Was sind Sie von Beruf?"
"Abiturient, Herr Leutnant!"
"Was wollen Sie studieren?"
"Theologie!"
"Stellen Sie dem Mann einen Passierschein aus und machen Sie einen Eintrag in sein Soldbuch."
Ich war frei! Ich konnte ungehindert mein Fahrrad zusammenmontieren und bin noch am gleichen Tag nach Biberach zu Tante Johanna geradelt. Am nächsten Tag überquerte ich bei Nasgenstadt die Donau und fuhr weiter nach Merklingen zum Übernachten ins Pfarrhaus (Pfarrer Schmückle) und am nächsten Tag – freiweg auf der Autobahn – nach Weilimdorf. Die amerikanischen Wagen dort hatten anderes zu tun als einen armen Soldaten zu kontrollieren.
… Theologiestudium …
Unständiger Pfarrdienst 1949–1952
Pfalzgrafenweiler und Untereisesheim
Unmittelbar nach Ostern 1949, nach meiner Ordination in Korntal durch Ephorus Hans Faber, meinem geistlichen Vater vom Gymnasium vom BK in Reutlingen her, auch unmittelbar nach unserer Verlobung in Korntal, habe ich also meinen ersten Dienst als Vikar im Dekanat Freudenstadt angetreten. Die familiären Dinge waren klar: Renate würde das längst belegte Semester auf der kirchlichen Hochschule in Bethel noch wahrnehmen, bereit, das Opfer zu bringen, und mir ohne abgeschlossene Berufsausbildung als Pfarrfrau beistehen, wie es bis dahin auch allgemein üblich war. Sie würde auch ihre künftige Versorgung vertrauensvoll in Gottes Hand und Fürsorge legen. Sie brauchte diese Entscheidung bis heute nicht zu bereuen.
Pfarrer Erwin Mickler war froh, nach längerer vikarloser Zeit endlich wieder die ihm zustehende Hilfe für sein weit ausgedehntes Kirchspiel zu bekommen.
"Also hier, Felder, haben Sie Ihr Zimmer im Pfarrhaus. Die Ortschaften Durrweiler und Herzogsweiler haben Sie als Ihren Seelsorgebezirk zu betrachten. Jeden Sonntag haben Sie – nach unserem Plan – zweimal zu predigen, einmal im Monat auch hier in der Hauptkirche, vor allem aber in den Filialen, z.B. in Herzogsweiler und danach im weit entfernten Kälberbronn. Zunächst einmal mit dem Fahrrad. Sodann haben Sie Religionsunterricht zu halten, einmal die Woche auch in Neu-Nuifra, jenseits des Waldachtales, wo ca. 12 Kinder zusammenkommen, die zum Teil imstande sind, mit ihren zwölf Jahren einen Langholzwagen zusammen mit zwei Pferden vorschriftsmäßig zu beladen. Gut wäre auch, wenn Sie sich an der Jugendarbeit beteiligen wollten, wie sie hier im Sinne des Pietismus Liebenzeller Art floriert", was ich dann auch getan habe. Dabei erinnere ich mich noch gerne an das gemeinsame Einüben des Laienspiels "Die Roggenfuhre" mit einer feinen Gruppe von schon etwas ausgereifteren Jugendlichen.
Mickler selbst, etwa acht Jahre älter als ich, war ein ohne Zweifel tüchtiger Gemeindepfarrer, der sich schon einige Jahre in einer der gut evangelischen lutherischen Gemeinden im Süden von Polen bewährt hatte. Streng gegen sich selbst aber auch seiner Frau und seinen Mitarbeitern gegenüber, war begreiflicherweise weniger erbaut über den täglichen Mittagsschlaf, den ich mir geleistet habe. Wenn ich mir aber doch ein gewisses Ansehen erwerben konnte, so dürfte es vor allem meiner in gewisser Weise originellen, jedenfalls eindrucksvollen Art zu predigen wegen gewesen sein. "Herr Vikar, Sie sollten vor allem in der großen Zentralkirche etwas lauter sprechen". Das brauchte man mir nur einmal zu sagen. Im übrigen ist dieses eine Vikars-Jahr glücklicherweise ohne Zusammenstöße verlaufen. Jeder von uns hatte ja wahrlich genug zu tun. Bei diesen Vikaren musste der jeweilige Stelleninhaber ja in diesem je einen Jahr (!) mit allerlei Eigenheiten rechnen. Mein Nachfolger hat keinen Mittagsschlaf gehalten, dafür hat er viel Zeit auf die Reparatur eines alten Autos verwandt. Nein, diese Pfarrfamilie ist mir, vor allem auch als dann meine junge Frau dabei war, sehr freundlich entgegengekommen.
Ein besonderes Glück war es, dass mir in dieser Vikarsstellung Muße genug gegeben war, mich ausführlich auch an den Veranstaltungen des großen Dekanatsbezirkes Freudenstadt mit seinem menschenfreundlichen Dekan Ebbinghaus und mit den hochinteressanten Amtsbrüdern und den originellen und meist kinderreichen Pfarrfamilien beteiligen zu können. Wie herzlich sah ich mich dann auch zusammen mit meiner jungen Frau aufgenommen in diesem großen Kreis mit seinen – nicht nur monatlichen (!) – Zusammenkünften. Nein, das Bedürfnis nach solcher Gemeinschaft der Pfarrfamilien war damals noch so groß, dass man sich zwischen die amtlichen, monatlichen Treffen KTA und DV zu weiteren, gut besuchten Pfarrhaustreffen eingeladen sah. Dabei waren die weiten Wege anfangs eben mit dem Fahrrad zu machen. Ehe ich mich’s versah, wurde ich dabei zum kurzzeitigen Chorleiter dieser Familientreffen bestellt, wie dann auch bald wieder im Dekanat Heilbronn.
Nur ganz knapp sollen zwei – mehr weltliche – Bereiche angesprochen werden: Die "Familie" und das "Fahrzeugwesen". Es ist heute fast nicht mehr vorstellbar, mit welch geringen Geldmitteln, in welch primitiver Behausung in zwei engen Dachkammern ohne Toilette, Wasserhahn, geschweige denn Bad, wir – Renate und ich – diese sechs Wintermonate im Pfarrhaus bei Micklers in Pfalzgrafenweiler unseren Ehestand beginnen mussten. Nun, wir beide waren Kriegsumstände und spartanische Studentenverhältnisse gewohnt, waren froh, wenn wir jeden Tag zu essen hatten, eine Liegestatt, und wussten, wozu wir da waren. So war ja auch eine Veränderung – vermutlich zum Besseren, für die Osterzeit 1950 vorauszusehen. Die Pfarrersleute waren selbst Vertriebene aus dem Süden von Polen, wo sie alles zurücklassen mussten, und sie waren uns freundlich zugetan. Bis dahin war es eben einfach üblich, dass ein Vikar unverheiratet zu sein habe, von heute auf morgen zu anderweitigem Einsatz bereit. Wir hätten ja mit dem Heiraten auch gut noch ein halbes Jahr warten können und mussten froh sein, dass man uns das alles ermöglicht hat. Und so waren wir denn auch froh und dankbar und haben uns keineswegs beklagt.
Für 330 DM bekam ich – 1 Jahr nach der Währungsreform (!) – damals ein nagelneues NSU-Quick Motorfahrrad mit 98 ccm und zwei Gängen. Mit diesem bin ich nun den ganzen Winter hindurch zu den dekanatamtlichen Terminen, sowie nach Kälberbronn zum Predigen, nach Edelweiler und Neu Nuifra zum Religionsunterricht gefahren, ja sogar nach Stuttgart zu meinen Eltern oder bis nach Untereisesheim bei Heilbronn, um das geräumige Pfarrhaus zu besichtigen, in dem wir von Ostern an als Pfarrverweser wohnen sollten. Es bekam dann später noch einen Sozius-Sitz für Renate. Wenn der Motor ausgesetzt hat durch allzu große Hitze, brauchte man nur die Zündkerze herausschrauben, den Rußpartikel herauszubrechen und weiter ging die Fahrt.
1. April 1950 – 1. September 1952 Pfarrverweser in Untereisesheim, Dekanat Heilbronn.
O welche Veränderung! Vom kalten, kargen Schwarzwald mit seiner schwäbisch, pietistisch engen, grundsätzlich denkenden Bevölkerung ins warme, fruchtbare, dicht bevölkerte, hochindustrialisierte Heilbronner Unterland, mit der pragmatischen, mehr fränkisch denkenden Art der Leute dort. Dazu diese Wohnung! "Ich hatte nichts als diesen Stab, da ich über den Jordan ging und nun bin ich zwei Heere geworden". Wo sollten wir nun plötzlich die Möbel herbekommen, um die vielen Räume wohnlich einzurichten, die uns da zur Verfügung standen? Den oberen Stock haben wir gerne der Pfarrwitwe – vom Vorvorgänger und ihrer Familie – überlassen, die natürlich befürchten musste, wir könnten sie zum Ausziehen nötigen, oder ihr den Anteil im riesigen Pfarrgarten streitig machen, den wir doch nur zu einem kleinen Teil zu nutzen gedachten. Nun, das Möbelproblem konnte schon auf der Hinfahrt gelöst werden durch einen Halt unseres Lastwagens (!) bei einem Großonkel, der froh war, sein schönes Schreibzimmer an uns – nicht zu teuer – verkaufen zu können. Auch bei meinen Eltern konnten wir kräftig zuladen. Bis heute studiere ich, schlafen wir, in den soliden Möbeln, die sie sich einst 1920 angeschafft hatten.
Die Stichworte zu dem, was von uns zu Untereisesheim zu erwähnen wert ist, lauten: Kirchenbesuch, Krankheitsnöte, Vertretungsdienste, Pfarrseminar. Man hat mir auch dort wieder bescheinigt, dass man mit meinem Predigen zufrieden sei. Aber die Ortssitte war überstark, dass man, jedenfalls als Mannsbild nicht in die Kirche gehen müsse. So saßen Sonntag für Sonntag auf der Empore regelmäßig vier getreue Männer, die von kirchlichen Gegenden kommend, eingeheiratet hatten, oder vom Osten vertrieben waren, so um die zwanzig Frauen und einige Konfirmanden unten im Schiff. Etwas besser wurde mir das Wort abgenommen in Kochendorf, wo ich des öfteren den rührigen Pfarrer Hammer zu vertreten hatte, wenn er sich bei seiner großen beachtlichen Jugendarbeit einmal wieder übernommen hatte. So kam es auch in Obereisesheim – eben zu meiner Zeit – zu einem sich länger hinziehenden Pfarrerwechsel mit Vacatur, dessen Last vor allem ich, auch mit Kasualien, zu tragen hatte, mit meiner, eben doch relativ kleinen Seelenzahl, und nur einer einzigen Predigtstelle.
Unser erstes Kind, Christian, ist uns im Mai 1950 als Frühgeburt geboren und nach acht Tagen in der Kinderklinik Jagstfeld verstorben. Meine junge Frau hat besonders darunter gelitten, war auch durch all die Anstrengungen und Umstellungen körperlich mitgenommen und gesundheitlich angeschlagen, so dass wiederholt auch ein Krankenhaus-Aufenthalt nötig geworden ist. Bei mir, der ich von Jugend auf unter Heuschnupfen zu leiden hatte, ist die geografisch tief gelegene Heilbronner Gegend bald zur Ursache fast chronischer Asthmabeschwerden geworden, sodass mir der Hausarzt sehr geraten hat, mich, wenn meine Zeit zum Ständigwerden käme, mich doch auf eine höher gelegene Pfarrstelle zu melden, etwa auf die Schwäbische Alb. Was ich dann auch – und mit dem erwünschten Effekt (!) – befolgt habe, wiewohl uns der Kirchengemeinderat von Untereisesheim gerne behalten hätte. Ich sage mit Bedacht "uns", konnte ich doch schon bei dem von mir miterlebten Pfarrerwechsel im Nachbarort lernen, welches Gewicht bei solchen Gelegenheiten dem Eindruck zukommt, den die Kirchengemeinderäte von der Pfarrfrau bekommen!
Jeder Unständige muss vor seiner zweiten Dienstprüfung den dazu unerlässlichen Lehrgang im Pfarrseminar in Stuttgart durchlaufen, einer sehr guten sinnvollen Gepflogenheit, zumal wenn sie unter einer menschlich so feinfühligen Leitung stattfinden kann, wie ich sie seinerzeit bei Kirchenrat Gutbrod erlebt habe. Mich hat das in der ersten Hälfte von 1951 getroffen. Zur Führung der Amtsgeschäfte war ein in der Nähe wohnender anderer unständiger Pfarrer bestellt worden. Meine Frau ist für diese Zeit noch einmal bei ihrer Mutter untergekommen. Was hat man in diesem Kurs alles besichtigt, kennen gelernt, durchgesprochen, vor allem auch auf dem Gebiet des Religions-Unterrichts, der Seelsorge, der Predigtvorbereitung und -nachbesprechung und der Verwaltungs-Dinge. Nur ein Ereignis sei hier kurz angesprochen. An dem Sonntag Reminiscere, an dem ich – in der Brenzkirche – meine Examenspredigt zu halten hatte, war Matthäus 15 auszulegen, wo Jesus zu der Kanaaniterin sprach: "Es ist nicht fein, dass man den Kindern das Brot nehme, und werfe es vor die Hunde". Dabei habe ich drastisch, aber textgemäß, ausgeführt, wie Jesus vor dieser Begegnung im heidnischen Nachbarland ohne Zweifel der damaligen jüdischen Sicht auch bei sich statt gegeben hat, die Kanaaniter seien sozusagen die Hunde, die Juden die Kinder, zu denen er sich gesandt wusste, bis er dann, durch diese heidnische Frau eines Besseren belehrt wurde: "Weib, dein Glaube ist groß, solchen Glauben, solches Vertrauen – zu mir und meiner Sendung – habe ich leider in Israel selbst nicht gefunden!". Ein namhafter Gottesdienstbesucher und potenter Kirchensteuerzahler war derart empört, dass er sich spornstreichs mit dem Oberkirchenrat ins Benehmen gesetzt hat, er trete aus der Kirche aus, wenn dieser Vikar nicht entlassen, oder wenigstens streng diszipliniert werde. So wurde ich auf den OKR (Oberkirchenrat) zitiert und von meinem alten Seminar-Repetenten, Kirchenrat Helmut Betsch gehörig verwarnt. "So nicht, Felder!"
Im Sommer 1951 konnte ich dann endlich, wenigstens noch ein starkes Jahr lang, ordentlich meine Gemeinde betreuen, den Vertretungen stattgeben, meine erste Konfirmation 1952 vorbereiten und halten, kleinere, aber gerne gelesene Gemeindebriefe verfassen. In Untereisesheim habe ich auch einen Kirchenchor gegründet, der heute noch im Gange ist. Jedenfalls haben sie uns 1990 zu ihrem 40jährigen Jubiläum eingeladen und beehrt. Indessen habe ich mich in aller Ruhe um verschiedene ständige Stellen im Schwarzwald (Tumlingen?), und auf der Alb beworben. Dabei haben wir beide uns ganz auf die Führung Gottes eingestellt und die Empfehlungen der Kirchenleitung als solche hingenommen und keinerlei Ansprüche (Hundersingen!) gestellt. Sodann kam noch im Januar unsere Tochter Elisabeth Christine auf die Welt. Die Gemeinde hat daran freundlich Anteil genommen. Anfang September 1952 war dann der Umzug in unsere erste ständige Pfarrstelle. Auch an diese Zeit im Unterland mit all den freundlichen Menschen denken wir gerne zurück.